Rom. Porträt einer Stadt

Autor: Giovanni Fanelli  Verlag: TASCHEN, Dezember 2017  Umfang: Hardcover, 25 x 34 cm, 486 Seiten, mehrsprachig: Englisch, Französisch, Deutsch  ISBN: 978-3-8365-6271-3 (auf dem Einband charmant als Strichcode-Kolosseum abgedruckt)  Preis: 50 Euro

© TASCHEN

Clint Eastwood düste auf dem Skateboard durch ihre Straßen. Pasolini spielte im feinen Zwirn Fußball, während Louis Armstrong in ihren Restaurants dem leidenschaftlichen Spaghettiverzehr frönte. Liz Taylor und Richard Burton verfielen einander bei Dreharbeiten in den Cinecittà-Studios der Stadt.

Damals ein gefundenes Fressen für Paparazzi. Ein Begriff der seinen Ursprung im aufdringlichen Pressefotografen hat, den Walter Santesso im Film „La Dolce Vita“ (1960) verkörperte. Fellinis Skandalchronik mit Anita Ekbergs berühmtem Bad in der Fontana di Trevi wurde zum Inbegriff des „süßen Lebens“ und eine Hommage des Regisseurs an seine Wahlheimat. Korrupt, oberflächlich, hedonistisch – so porträtierte er die damalige Wohlstandsgesellschaft Roms.

„Rom ist ewig, sein Verfall wird niemals enden.“ – Giulio Carlo Argan

Rom – Città Eterna. Mit dem prachtvollen wie großformatigen Bildband „Rome. Portrait of a City“ setzt TASCHEN der Ewigen Stadt ein Denkmal. Der Autor Giovanni Fanelli ist Professor für Architekturgeschichte an der Universität Florenz und Autor zahlreicher Bücher zu architekturhistorischen und stadtgeschichtlichen Themen sowie zur Kunst der Graphik und der Fotografie, die in mehreren Sprachen übersetzt wurden. Er war wissenschaftlicher Leiter der Fondazione Ragghianti in Lucca und ist Herausgeber mehrerer Buchreihen des römischen Verlags Laterza.

Das fotografische Porträt dieser außergewöhnlichen Stadt versammelt auf rund 500 Seiten ebenso viele Aufnahmen von 1840 bis heute. In Sepia, Schwarzweiß und Farbe präsentiert der opulente Band Arbeiten von Fotografen wie Giacomo Caneva, Pompeo Molins, Giuseppe Primoli, Carlo Bavagnoli, Henri Cartier-Bresson, Peter Lindbergh und William Klein.

Photoglob Zürich, Tiberansicht mit Engelsburg und im Hintergrund der Peterskuppel, Rom, um 1905
© Marc Walter Collection, Paris

Barockes Spektakel vor antiker Kulisse

Rom als Filmstadt ist nur eine Facette, die der schwergewichtige Band abdeckt. Diese buchgewordene Romreise durch die Zeit beginnt natürlich im Herzen des antiken Roms. In Giorgio Sommers Bild des Forum Romanum von 1860 ist das Zentrum von „Roma Caput Mundi“ zum Viehmarkt verkommen. Es weiden Kühe zwischen den zweitausendjährigen Ruinen, wo heute die Touristen entlang trampeln. Die Schönheit, Größe und der Charme Roms in einem Foto: So viel hat sich seitdem also gar nicht verändert.

Die Aufnahmen transportieren den Betrachter zurück in die Zeit der Grand Tour, zu deren bevorzugten Zielen das Kolosseum oder die Spanische Treppe gehörten. Eine wichtige Geburtsstätte der Renaissance ist zugleich auch die Heimat des Vatikans, der Machtzentrale der katholischen Kirche. So finden sich vielleicht eine zu üppige Menge Fotografien diverser Päpste und den nahezu immer gleich erscheinenden Menschenmassen auf dem Petersplatz. Der Leser bzw. die Leserin kann sogar ein etwas kitschiges Prachtpanorama „Ostermesse im Vatikan“ zum Ausklappen von Stephen Wilkes in diesem herrlichen Buch entdecken.

Rom als politische Bühne Italiens

Dokumentarisches Bildmaterial vermittelt einen Eindruck, wie Mussolini und der Faschismus der italienischen Hauptstadt ihre Ideologie aufdrückten. Und für ihre Via dell’Impero vom Piazza Venezia zum Kolosseum rücksichtslos eine Schneise durch den historischen Kern und dicht besiedelte ärmere Wohnviertel schlugen, um Platz und Bühne für militärische Paraden zu schaffen. Ein Foto zeigt den „Duce“ mit seinem „faschistischen Kollegen“ aus Deutschland beim Besuch der Galleria Borghese. Beide betrachten Canovas Skandal-Skulptur der unbekleideten „Ruhenden Venus“ Pauline Borghese, Lieblingsschwester von Napoleon Bonaparte. Hitler glotzt der Skulptur auf die Brüste und Mussolini ihr in den Schritt… Wenige Seiten später feiern die Römer auf den Straßen den Sturz der Schattenjahre des Faschismus.

© TASCHEN

Rückständigkeit und Wirtschaftswunderjahre

Am besten und sinnlichsten ist Fanellis Bildband stets, wenn Rom nicht nur Kulisse der Schönen und Mächtigen ist, sondern eine lebendige Stadt mit „echten Menschen“. Von den Straßenständen und Wäscheleinen, Geschäften und Espressobars in den Arbeitervierteln Trastevere und Testaccio, die vor wenigen Jahrzehnten noch wirkten wie ein Dorf, zu den Römern beim gemeinsamen Mittagstisch mitten auf der Straße.

„Die Vorzüge des römischen Essens und Trinkens sind nicht nur solche des Gaumens: Kalbsdarm, Carbonara und Frascati – sondern vor allem gesellschaftliche Tugenden, ein tiefer Sinn für Gemeinschaft, für die Begegnung unter Menschen, die Freundschaft: das Heiligste, das es für die einfachen Römer gibt.“ – Carlo Levi, Il popolo di Roma, 1960

© TASCHEN

Gegenwart

Der in fünf Kapiteln von der Vergangenheit bis heute gegliederte und insgesamt sehr gelungene Bilderreigen Roms, endet bedauerlicherweise primär mit Fotografien des aktuellen Papstes sowie allerlei Mode. Models in Palazzi, Ruinen und Hotels. Doch die Gegenwart dieser wahrhaft alten Schönheit wäre vermutlich sowohl für einen Romreisenden als auch einen Römer mit Aufnahmen von Touristenmassen, Selfie-Stick-Verkäufern und ewig Wartenden an einer Haltestelle, oder brennenden Bussen des öffentlichen wie absurden Verkehrsbetriebs atac, authentischer eingefangen.

Auf den letzten Seiten sind Kurzbiografien der Fotografen sowie eine Auswahl an Film-, Musik- und Literaturempfehlungen zu finden. Die deutsche Übersetzung des dreisprachigen Werks erscheint weitgehend gelungen, wenn man die englischen und französischen Begleittexte als Bezug heranzieht. Dennoch wäre das (vermutlich?) italienische Original in einigen Fällen zum direkten Vergleich wünschenswert und bei einem Band über die Hauptstadt Italiens sicher sinnvoll. Doch dafür müsste man auf die deutsche Übersetzung verzichten und zur Ausgabe in englischer, spanischer und italienischer Sprache greifen (TASCHEN, ISBN 978-3-8365-6886-9).

„Jede Stadt ist auf ihre Weise unvergesslich… Trotzdem muss ich sagen… Rom, ja Rom ganz bestimmt! Die Erinnerung an meinen Besuch hier wird mich nicht verlassen, solange ich lebe.“ – William Wyler, Roman Holiday, 1953

Zum gleichen Preis und Format hat TASCHEN derzeit auch Stadtportraits von Berlin, London und Paris im Programm. 


Ein Beitrag von Sonja.

Ein Kommentar zu „Rom. Porträt einer Stadt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..